„Als wäre es dein letzter Tag auf Erden“
Erstellt von Andreas Wurm am Dienstag 9. Juni 2009
Am Mittag des 22. November 1963 kletterte Jackie Kennedy auf den Kofferraumdeckel des Lincoln-Continental-Cabriolets. Sie stand unter Schock, denn auf dem Rücksitz starb ihr Mann John Fitzgerald Kennedy, der 35. US-Präsident. Die meisten Menschen liebten ihn. Aber an diesem Tag gewannen die, die ihn hassten.
John Fitzgerald Kennedy war ein Sieger. Schon als Kind bläute im sein Vater ein, dass nur Sieger etwas zählen. Zweitplatzierte duldete das Familienoberhaupt nicht. Der junge Kennedy schickte sich an, das Soll zu erfüllen. 1946 ergatterte er mit 29 Jahren einen Sitz im US-Repräsentantenhaus und 1952 zog er für den Staat Massachusetts in den Senat. Spätestens da war klar: Dieser Mann muss ins Weiße Haus. Das war nicht alleine Kennedys Wunsch, sondern viel mehr auch eine Vorgabe seines Vaters. Nicht zu Letzt weil dieser seine eigenen Präsidentschaftsambitionen schon während des zweiten Weltkrieges versenkt hatte. Damals, als amerikanischer Botschafter in London (1938 – 1940) befürwortete er in einem Gespräch mit seinem deutschen Kollegen Hitlers Judenpolitik, was seine politische Karriere abrupt beendete.
Familien-Bande
Die Wahl zum Präsidenten war bis zu einem gewissen Grad schon immer steuerbar. Das beste Argument bei einer solchen Kampagne war damals wie heute Geld. Und davon hatte die Familie Kennedy reichlich. Der Clan war sich aber auch einig, dass kein Geld der Welt Kennedy auf den Sitz des Präsidenten bringen konnte, wenn er im Wahlkampf nicht gemeinsam mit einer Ehefrau in die Menge winkte. Familien waren im Amerika der 60er angesagt, und die Menschen wollten ganz sicher auch einen Familienvater im Weißen Haus. Der nächste Schritt im Unternehmen „Oval Office“ lag also auf der Hand. Kennedy musste unter die Haube. Frauen, die für ihn schwärmten, gab es sicherlich genug. Am 12. September 1953 heiratete Kennedy die Journalistin Jaqueline Lee Bouvier. Die Hochzeit erfüllte mehr ihren Zweck als die Kennedys selbst gedacht hatten. John F. Kennedy und seine Frau Jackie – Der Senkrechtstarter und die Schöne, die einen Abschluss in Literatur und Französisch hatte, sollten zum dem Traumpaar schlechthin werden.
Im Herbst 1960 stellte sich Kennedy der Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Gegner war Richard Milhous Nixon von der Republikanischen Partei. Zum ersten Mal in einem Wahlkampf traten sich die beiden Widersacher in einem so genannten Fernsehduell gegenüber. Die Millionen an den Bildschirmen sahen einen dynamischen, überzeugenden Kennedy gegen eine zerfahrenen, schwitzenden Nixon. Im Gegensatz zu Nixon redete Kennedy nie seinen Gegner direkt an, sondern sprach in die Fernsehkameras und somit zum amerikanischen Volk. Dieses selbstsichere und energische Auftreten war möglicherweise ausschlaggebend für seinen knappen Sieg.
Kennedy mochte vielleicht Präsident der USA sein. Der heimliche Boss im Weißen Haus hieß jedoch Jackie. Sie, die First Lady, machte aus der alten, biederen Burg einen strahlenden Palast. Wo vorher trocken und knorrig regiert wurde, brachten neue Möbel und zeitgenössische Kunst frischen Wind. Jackie veranstaltete Partys, empfing die Wichtigen und die, die sich für wichtig hielten. Große amerikanische Schriftsteller wie Hemingway und Tennessee Williams waren gern gesehene Gäste. Schließlich war Kennedy ja auch einer von Ihnen. Für sein Buch „Zivilcourage“ hatte er 1957 den Pulitzer-Preis erhalten. Hinter den Mauern des Weißen Hauses regierte nicht nur einer der mächtigsten Männer der Welt, sondern ab 1961 auch Charme, Geschmack und Liebreiz. Und Kennedy lässt sich fotografieren wie er mit den Kindern John John und Caroline im Oval Office spielt, oder wie er das Pony seiner Tochter auf der Terrasse des Weißen Hauses füttert. Medientauglich, berechnend, zum schwärmen schön. Überhaupt sind alle so schön bei den Kennedys. Das ganze Land ist hingerissen von dieser Familie. Für viele sind sie ein Vorbild. Es läuft für die Kennedys.
Wenn nur die Krankheit nicht wäre. Was die Menschen bei offiziellen Anlässen oder auf den Fotos nicht sahen: Kennedy war schwer krank. Schon als Kind litt er unter Allergien und Asthma. Außerdem hatte er die „Addisonsche Krankheit“, eine Unterfunktion der Nebennierenrinde. Dazu kam ein schweres Rückenleiden, weshalb ihn die Ärzte mehrmals an der Wirbelsäule operierten. Lebensgefährliche Eingriffe – Kennedy fällt ins Koma, bekommt sogar die letzte Ölung. Doch der Sieger überlebt. Wenn der Vorhang gefallen, die Kameras ausgeschaltet und keine Fotografen in der Nähe waren, ging Kennedy oft an Krücken um seinen Rücken zu entlasten. Das alles war natürlich nichts für die Öffentlichkeit. Amerika brauchte einen Kämpfer und zu dem wurde er, sobald die Scheinwerfer angingen und die Kameras brummten. Für seine Freunde und Bekannte war es, als würde sich ein Schalter in seinem Hirn umlegen. Sobald die Zeichen auf „Öffentlichkeit“ standen verwandelte sich das Wrack in eine Maschine. Vollgepumpt mit Medikamenten und Schmerzmitteln, damit er die öffentlichen Auftritte überstand und seine Schmerzen erträglicher waren bei der täglichen Arbeit. In Wirklichkeit konnte er sich manchmal nicht einmal alleine die Schuhe binden. Und auch durch seinen täglichen Kampf gegen die Krankheit kommt er zu dem Entschluss: „Leb’ täglich so, als wär’s dein letzter Tag auf Erden.“
Kalter Krieg
Und das tut er. Er lebt und regiert – manchmal wirklich so, als gäbe es keine Morgen. Seine Antrittsrede war geprägt von jugendlichem Idealismus. Er proklamierte die „New Frontier“-Politik – Aufbruch zu neunen Grenzen. Nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit. Das ließ die Menschen in der ganzen Welt Hoffnung schöpfen. Schließlich befand man sich mitten im „eiskalten“ Krieg mit der Sowjetunion und gerade auch die Menschen in Deutschland setzten große Erwartungen in diesen bis dahin jüngsten Präsidenten. Beim Bau der Berliner Mauer zeigte er zum ersten mal seine Zähne. Kennedy schickte zusätzliche Truppen in die geteilte Stadt. Nachdem diesen der Zugang nach Ost-Berlin verwehrt wurde, ließ er Panzer am Check-Point Charly auffahren und zeigte seinem russischen Kollegen Chruschtschow, dass er zu allem bereit war, um die Deutschen zu schützen. Kennedy machte sich zwar im Juni 1963 zum „Bearleener“, aber in Wirklichkeit ging es nie um die Deutschen, sondern darum, den Machtbereich der Kommunisten einzudämmen.
Desaster in der Karibik
Genau aus diesem Grund bewilligte Kennedy auch den Angriff auf Kuba im Jahre 1961. Dem kommunistischen Kuba ging es nach Meinung der amerikanischen Regierung viel zu gut. Die USA waren nicht daran interessiert, dass sich andere mittelamerikanischen Staaten anstecken ließen von dieser kommunistischen guten Laune. Und so wollte Kennedy Kuba „auf den richtigen Weg“ bringen. Aber Castros Truppen stoppten die amerikanischen Einheiten bei ihrer Landung in der Schweinebucht schon am Strand. Das „Desaster in der Schweinebucht“, wie es oft genannt wird, musste der amerikanische Geheimdienst auf seine Kappe nehmen. Zum Einen hatten die Agenten die Stärke der kubanischen Arme unterschätzt. Zum Anderen glaubten sie, dass alle Kubaner in Jubel ausbrechen, wenn die amerikanischen Truppen einmarschieren. Nichts von alle dem sollte sich bewahrheiten.
1962 führte diese Aktion zur „Kubakrise“. Der amerikanische Geheimdienst hatte herausgefunden, dass die Sowjets als Reaktion auf die Schweinebucht-Geschichte in Kuba Mittelstreckenraketen aufstellen wollten. Kennedy schickte Kriegsschiffe nach Kuba, um den sowjetischen Frachtern den Weg zu versperren. So musste Chruschtschow entscheiden wie es weitergeht. Abziehen oder durchbrechen und somit einen Krieg anzetteln. Die sowjetische Regierung pfiff die Schiffe zurück, und machte Kennedy so zum Helden der westlichen Welt. Er war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ab jetzt sollte es bergab gehen.
Der Präsident wagte sich an das heikelste Thema heran: Die Rassendiskriminierung im eigenen Land. Er war der Meinung, dass sich Amerika nicht in der ganzen Welt als Land der Freiheit und Gleichberechtigung verkaufen konnte, wenn dessen Einwohner gleichzeitig aber die Schwarzen diskriminieren und wie Menschen zweiter Klasse behandeln. Damit sollte Schluss sein, und er kündigte ein Gesetz an, das diese Rassentrennung verbieten sollte.
Martin Luther King, ein schwarzer Bürgerrechtler aus Atlanta, nahm diese Ankündigung zum Anlass, am 28. August 1963 mit 250 000 Demonstranten nach Washington zu ziehen und seine berühmte Rede zu halten (I have a dream…). Nachdem Kennedy den „Neger“ sogar im Weißen Haus empfangen hatte, war sein Stern nicht nur am Sinken, sondern geradezu am Abstürzen. Auf der einen Seite gewann er durch diese Aktion zwar die Intellektuellen des Landes, aber das waren bei Weitem nicht so viele Wählerstimmen wie die Südstaaten zu bieten hatten, deren Einwohner schon eh und je eher rassistisch waren. 1964 sollte sich Kennedy zur Wiederwahl stellen und wie Umfragen bestätigten, wollten ihn nur noch rund 45 Prozent der Amerikaner im Weißen Haus haben. Ein Jahr vorher waren es noch über 80 Prozent gewesen. Seinen Beratern war klar, dass er dahin musste, wo letztendlich die Wahl entschieden werden würde – in den Süden. Dallas, Texas sollte es sein. Dallas war eine Stadt der Cowboys. Eine Stadt in der das Faustrecht noch etwas zählte, antikatholisch, antikommunistisch, rassistisch. Und die Texaner hassten ganz besonders den Mann, der Ihnen den Rassismus verbieten wollte: Kennedy. Einen Tag vor seinem Besuch wurde er in der Stadt per Flugblatt „wegen Verrats gesucht“.
Am 22. November 1963 ist es sonnig. Kennedy entscheidet sich erst kurz vor der Fahrt durch die Stadt für das Cabriolet. Die Menschen stehen am Straßenrand und jubeln ihm zu, die Frau des texanischen Gouverneurs ist der Meinung, dass „Dallas Kennedy liebt“. Aber irgendwo an der Elm Street in Dallas gibt es jemanden, der den Präsidenten gar nicht mag. Und darum muss John Fitzgerald Kennedy an diesem Tag sterben. Der erste Schuss trifft ihn im Nacken, der zweite reißt ihm einen Teil der Schädeldecke und des Gehirns weg. Jackie will es in ihrem Schock einsammeln, schafft es aber nicht.
An diesem 22. November stirbt nicht nur der Mensch Kennedy, sondern auch die Hoffnung vieler Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Er war angetreten, um zu verändern. Nicht um allen seine Ideale aufzudrängen, vielmehr um darum zu kämpfen, den Menschen seine Vorstellungen von einer guten Welt plausibel zu machen.
Erschienen in »Freies Wort« – 22. November 2003 – Bildquelle: Wikipedia
